wir haben eine chance

"If you are neutral in situations of injustice, you have chosen the side of the oppressor. If an elephant has its foot on the tail of a mouse and you say that you are neutral, the mouse will not appreciate your neutrality." - Desmond Tutu
Lange Jahre habe ich mich schwer getan mit Politik. Ich fand das alles sperrig und unverständlich und irgendwie vorgegeben. Erst nachdem ich mich viel mit Feminismus und Rassismus beschäftigt habe, merkte ich, dass so eine Demokratie doch was ziemlich fantastisches ist. Und mir wurden meine Privilegien bewusst.

No one is you and that is your power








 
















Wir leben in einem Land, das es jedem deutschten Staatsbürger möglich macht bei unserer Regierungsbildung mitzuentscheiden. Ich möchte hier niemandem eine Moralpredigt halten oder nochmal erwähnen, wie kacke und gefährlich die AfD ist (die AfD ist kacke und gefährlich). Aber dennoch möchte ich ein paar Mythen aus der Welt schaffen und jeden dazu motivieren diesen Sonntag in die Wahlkabine zu gehen und zwei Kreuzchen zu machen.

Vorneweg: Bitte keine Fotos in der Wahlkabine. Es ist zwar nicht verboten, aber es kann dazu führen, dass du deinen Wahlzettel erneut ausfüllen musst. Außerdem ist das Wahlgeheimnis eines unserer höchsten Güter. Und das sollte respektiert werden.

Egal ob per Briefwahl oder diesen Sonntag, 24.09.17, in der Wahlkabine: Deine Stimme macht einen Unterschied! Deswegen ist ungültig wählen auch genauso ein Quatsch.

Um auf Desmond Tutu, eine beeindruckende Persönlichkeit, die sich für Homosexuelle in Afrika einsetzt und den Friedensnobelpreis gewann, zurückzukommen. Sein Zitat ist eines meiner liebsten, denn es spricht für sich selber. In solch politischen Zeiten, bei so viel Hass und rechter Hetze, bei Minderheiten, die systematisch zu unterdrückt versucht werden und Aggressivität von extremen Gruppierungen, bedeutet ein Schweigen die Zustimmung für dieses Unrecht.

Also, ihr wisst was zu tun ist.

SONNTAG 24er SEPTEMBER 2017 / GEHT WÄHLEN.

von der spießigkeit

"Als Spießbürger [oder] Spießer (...) werden in abwertender Weise engstirnige Personen bezeichnet, die sich durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen und Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung auszeichnen." (Wikipedia)

Letztens hat mir jemand gesagt ich sei ganz schön spießig geworden. Laut der Definition von Wikipedia scheint das erstmal gar nicht so positiv zu sein. Eine Bestandsaufnahme:

Meinen letzten Urlaub verbrachte ich mit A. in Albstadt auf der Schwäbischen Alb. Wir haben Karten gespielt und sind Wandern gegangen. Das war schön. Eigentlich stehe ich jeden Tag zur gleichen Uhrzeit auf und unsere Wohnungseinrichtung ist ziemlich durchdacht und nicht mehr ganz so zusammengewürfelt wie meine Zimmer davor. Spießigkeit bedeutet für mich, dass man es nicht schafft von alten Denkstrukturen loszukommen. Ich finde, das bedeutet, dass man sich nicht weiterentwickelt in seinem Leben und an sehr konservativen Wertvorstellungen festhält. Ich persönlich schätze mich weit entfernt von diesen Attributen ein. Klar kann es auf andere irgendwie "spießig wirken", wenn man seine Gäste bittet an der Tür die Schuhe auszuziehen, Wein aus wirklichen (und den richtigen) Weingläsern trinkt und so viele Pflanzen in seiner Wohnung hat, dass man nie wieder schlechte Luft atmen muss. Aber ich halte das für Weiterentwicklung und Prioritätenverschiebung. Bye bye, Partygirl und im exzessiven Moment leben und Hallo ruhige Tatortschauerin (to be fair, hab ich eigentlich schon immer gemacht).

Für mich geht diese Prioritätenverschiebung klar auf diese Dinge zurück: Erwachsenwerden, eine gewisse Ruhe in mein Leben bringen und mehr zu mir selber finden, indem ich meine Bedürfnisse wahrnehmen kann und meine Zwangsneurosen von ungesundem Verhalten auf gesündere Verschieben.

(Sich zwingen aus den richtigen Gläsern, die richtigen Getränke zu trinken finde ich weitaus vertretbarer als sich die Arme aufschneiden zu wollen.)

Von daher würde ich sagen, dass meine persönliche Spießigkeit darin besteht, dass ich gerne Strukturen folge und lauter so Quatsch (schöne Dinge) mache wie Meditieren, früh Aufstehen und Menschen zum Abendessen einzuladen. Ob jemand das genauso sieht sei jedem selbst überlassen.



(Bild 1 + 2 + 3: Albstadt, Baden-Württemberg)



was ich meinem 27 jährigen ich gerne sagen möchte

Es gibt viele verschiedene Menschen, die an ihre jüngeren Ichs Briefe schreiben. Irgendwie eine schöne Art sich mit sich selber auseinanderzusetzen. Egal wie man das macht, ob als Video oder Blogeintrag, schaue ich mir sowas gerne an und habe oft darüber nachgedacht, was ich meinem jüngeren Ich sagen würde. Inzwischen weiß ich, dass meine Vergangenheit geschrieben ist. Ich kann meinem jüngeren Ich nichts mehr sagen. Mein junges Ich musste durch den ganzen Quatsch und Schmerz ganz alleine durch. Manchmal macht mich das traurig, aber die meiste Zeit kann ich akzeptieren, dass ich Fehler gemacht habe. Und dass ich traurig war. Ich würde gar nichts anders machen. Und das ist okay.



Stattdessen möchte ich meinem Zukunfts-Ich gerne etwas sagen. In fünf Jahren bin ich erst 27 Jahre alt und das ist immer noch verdammt jung. Also, liebes 27 jährige ich, pass auf:

  • Verzeihe dir. Wie oben schon erwähnt fällt mir verdammt schwer mir selber zuzugestehen, dass ich krank war (bin). Ich fühle mich, als ob mir Jahre meines Lebens geklaut wurden. Ich durfte kein Jugendlicher sein, sondern musste unter einer Wolke an zu frühem Erwachsenwerden und tiefer Depression meine jungen Jahre aussetzen. Und die kann man nicht einfach nachholen. Genesung braucht aber Zeit und keine Zeit ist zu viel verschwendete Zeit. Überhaupt gibt es keine verschwendete Zeit. In jeder Minute gibt es einen Sinn und Grund warum diese Minute so ist wie sie ist. 
  • Du bist (und bleibst) one fine badass girl! 
  • Die Existenz von Schönheit anderer bedeutet nicht die Abwesenheit deiner eigenen.
  • Egal wie der Weg verläuft, dadurch, dass du ihn läufst, ist es schon dein Weg. Daran ist nichts falsch oder richtig. Keep going.
  • Optimismus und Freundlichkeit bringen dich am Weitesten. Auch wenn sich das manchmal nicht so anfühlt.
  • Hör niemals auf dich begeistern zu können.
  • Und hör niemals auf zu tanzen, wenn du tanzen möchtest.
  • Ich glaube, es ist jetzt Zeit für einen Hund. 
Also, liebes 27 jährige Ich, ich hoffe, du bist immer noch glücklich. Ich hoffe, die Sonne hat oft geschienen . Ich hoffe, der Tumult in deinem Kopf und in deinem Bauch wird von Jahr zu Jahr ruhiger und ich hoffe, dass du nicht vergisst, dass dein Körper nur das Beste für dich will. Und hey, 27 jähriges Ich, ich bin verdammt, verdammt stolz auf dich. 

Mit Liebe und tiefem Vertrauen,
Dein 22 jähriges Ich


von selfcare und selbsthass

In Zeiten von Selbstliebe, #bodypositivity und veganem Lifestyle fühlt man sich manchmal ganz schön schlecht. Was "selfcare" eigentlich wirklich bedeutet, musste ich mir erstmal erarbeiten. Denn Regel Nummer Eins: Selfcare ist was persönliches. So unterschiedlich wie wir sind, so unterschiedlich sind auch die Wege, wie wir uns gut fühlen können.

Als ich diesen Post angefangen habe, haben sich zwei Bloggerinen, die ich sehr schätze, gerade mit diesem #bodypositivity auseinandersetzen (müssen). Ivy hat über ihren After-Baby-Body geredet und Maddie von dariadaria war damit konfrontiert, dass man wohl Makel relativieren muss und nicht jeder das gleiche Recht hätte, sich über seinen Körper zu freuen (I call bullshit!). Deswegen konzentrieren wir uns lieber auf die positiven Seiten des Selfcare.

Über die Jahre hat sich mein Anspruch verändert. Als ich 14 Jahre alt war bedeutete Selfcare für mich, mir einmal die Woche 20 Gramm Nudeln (nur Vollkorn, abgewogen) mehr in meinen katastrophalen Essensplan mit einzubauen. Heute bedeutet Selfcare für mich Verabredungen abzusagen, wenn mir nicht danach ist. Pünktlich ins Bett zu gehen um morgens wirklich ausgeschlafen zu sein. Die dritte (oder vierte) Runde Nachtisch zu essen, weil niemand mir das verbieten kann (vor allem ich selber nicht). Aber wie um Himmels Willen schafft man das? Wie steht man jeden Tag auf um erstmal eine Stunde zu meditieren? Ich halte den ganzen zwanghaften Anspruch dahinter für absoluten Quatsch. Ich kann nicht bestreiten, dass eine gewisse Regelmässigkeit in bestimmten Dingen durchaus helfen können Selfcare zu verinnerlichen, aber bis man das schafft hat man erstmal ganz andere Berge zu besteigen. Und zwar sich selber.

Am Besten fängt man erstmal klein an, indem man sich darauf einlässt seine Gefühle einfach Gefühle sein zu lassen. Boom. Die Lösung des Rätsels? So einfach soll das gehen? Herrjemine, all die Jahre umsonst verschwendet ans Traurigsein und Arme Aufgeschneide.

Quatsch. Ich weiß, wie schwer das ist. Ich bin übrigens auch kein ausgebildeter Therapeut und alles, was ich erzähle, sind meine persönlichen Erfahrungen. Aber das weiß man ja.

Ich habe über Jahre Babysteps gemacht und im Nachhinein hat mir extrem geholfen erstmal mit den Basics anzufangen.

  • SCHLAFEN - Oha, hab ich mir in meinem Leben schon viel Schlaf verwehrt. Schlafen ist ein wichtiges Grundbedürfnis und kam in meinem Leben nur zu viel oder zu kurz. Beides doof. In Zeiten der Euphorie habe ich meinem Körper regelmässig Schlaf entzogen. Das hat folglich dazu geführt, dass ich weder Energie hatte, noch klar denken konnte. Was mich nur noch verrückter gemacht hat. Schlafentzug hat bei mir zu Halluzinationen und Wahnvorstellungen geführt. Keine feine Sache. Aber auch zu viel Schlafen (unter anderem durch falsche Medikation) hat mehr Schaden als Nutzen angerichtet. Vor einiger Zeit habe ich meine neurotische Zwanghaftigkeit darauf gerichtet penibel einen Schlafplan von ca. 8-9h einzuhalten und obwohl die erste Zeit total schwer war, nach ein paar Wochen habe ich mich so daran gewöhnt, dass sogar gelegentliche Abweichungen (ich geh ja trotzdem noch aus und tanzen) mich um Punkt 11 Uhr ermüden und um Punkt 7.30 Uhr erwachen lassen. Aber es ist tragbar. Mein Körper verzeiht mir großzügig, wenn ich mal länger wach bleiben will oder morgens länger im Bett liegen möchte. Wir haben da irgendwie inzwischen unseren Frieden geschlossen. Und das macht den Kopf frei, um mich um die wirklichen Dinge kümmern zu können.
  • ESSEN - Essprobleme sind extrem gemein und unfair und halten meistens irgendwie doch ein Leben lang an. Das Thema ist ziemlich komplex und ich halte eine therapeutische Begleitung und Esstherapie bei solchen Problemen für extrem sinnvoll. Als ich meine Essprobleme wieder einigermaßen im Griff hatte, war alles andere schon viele einfacher. Genauso wie beim Schlafen ist Essen ein Grundbedürfnis, das gestillt sein muss, damit der Körper versorgt ist und der Geist sich entfalten kann (klingt voll esoterisch, bin ich aber gar nicht).
  • BETÄUBENDE MITTEL - ob Alkohol, Drogen, Einkaufen, Spielen... Es gibt inzwischen viele Mittel und Wege seiner Realität zu entfliehen. Für manche entwickelt sich eine handfeste Sucht und für andere ein "riskanter Umgang". Auch hier stehe ich vor einem zu komplexen Thema, als das ich es in einem Unterpunkt eines Posts so einfach abhaken möchte, weswegen ich in naher Zukunft jedoch darauf zurückkommen werde. Ich persönlich bin ein sehr suchtaffiner Mensch (das hat mit Veranlagung und Persönlichkeit zu tun) und lebe an einer Risikogrenze zur vollen Abhängigkeit. Zeit meines Lebens hatte ich mit den verschiedensten Dingen wirklich Schwierigkeiten (vor allem Alkohol). Dieser Punkt war auch einer der langwierigsten und schwierigsten für mich zu ändern. Ich habe nie eine spezielle Suchttherapie gemacht, kann mir aber vorstellen, dass es für manche (auch wenn man sich selbst nicht eingestehen kann, dass man süchtig ist) eine therapeutische Begleitung und Abstinenz der einzige Weg sind. 2017 war das Jahr, in dem ich es geschafft habe vier ganze Monate abstinent zu bleiben und mir haben sich wirklich, ganz ernsthaft, neue Wege eröffnet. Im Nachhinein habe ich meine Jahre betäubt verschwendet und erst jetzt rausgefunden, dass Alkohol Spaß machen kann, aber nicht das Go-To ist, wenn man in Gesellschaft sein möchte. Von daher möchte ich gar nicht von einem hohen Roß runtersprechen, denn verdammte Scheiße war das ein langer Weg gefüllt mit Abstürzen und wirklich, wirklich unangenehmen Erfahrungen. Oft habe ich versucht nicht zu trinken, bin immer wieder gescheitert, habe mich selber gehasst, was dazu führte, dass ich noch mehr getrunken habe. Es war ein Teufelskreis und ich bin so froh ihn Stück für Stück durchbrechen zu können.
  • WISSEN - Dieser Punkt ist mir persönlich fast am wichtigsten. Denn man findet eigentlich nur wirklich selber zu sich, wenn man überhaupt weiß was da so abgeht. Mit einem selber. Mit seinen Gefühlen. Ein Therapeut kann da wirklich Wunder bewirken, denn dieser kann fachlichen Rat geben und Dinge erklären, die man selber gar nicht so versteht (Wikipediaartikel sind eine schlechte Quelle). Zu verstehen woher bestimmte Verhaltensmuster kommen; dass es auch andere Leute gibt, die sich so fühlen wie ich mich fühle; dass im Kopf krank sein genauso schlimm ist wie mit dem Körper krank zu sein. All das war für mich sehr wichtig rauszufinden. Es hat mir geholfen mich und mein Kranksein besser zu verstehen.

Wenn man dann also nach und nach erstmal seine Grundbedürfnisse wieder stillen kann, kommt ein gesteigertes Körpergefühl schon ganz langsam wieder von alleine. Und genau da gehts dann weiter. (Ja ich weiß, super anstrengend, mega ätzend und man kann sich nicht einmal ausruhen).

NEXT LEVEL:

  • ACHTSAMKEIT - ziemlich tricky und echt gar nicht einfach so machbar. In meinen Klinikzeiten waren Muskelentspannung und Autogenes Training ganz weit oben im Therapieplan. Ich fand das alles immer schwachsinnig, konnte mich nicht drauf einlassen und habe erst Jahre danach langsam und schüchtern angefangen, mich in die Thematik einzulesen. Inzwischen habe ich meine eigene Methode entwickelt zu entspannen und meine Umgebung bewusster wahrzunehmen. Auch dazu erzähle ich mal mehr. 
  • YOGA - ich bin kein großer Yogaverfechter und mache das meistens nur wegen meinen abartigen Rückenschmerzen. Aber ich habe schon viel gehört, dass Yoga genau bei dieser Körperwahrnehmung unterstützend sein kann
  • GESUND ESSEN - das Thema Essen hatten wir zwar schon, aber eine gewaltige Steigerung ist es, seinem Körper lauter Sachen zu geben, die ihm gesunde Energie verschaffen. Aber auch hier Babysteps. Man muss sich nach Jahren des Ärgers mit sich selber nicht gleich als Ernährungsberaterin beweisen. Alles soll Spaß machen und wenn man an gesundem Essen Spaß finden kann ist das wirklich toll.
  • GENUG (WASSER) TRINKEN - Keine sonderlich neue Information, leuchtet aber ein.
  • SCHREIBEN/SPRECHEN - Es hilft ungemein seinen Strom an Gedanken und Gefühlen ab und zu mal in Worte zu packen. Das kann ganz öffentlich im Internet, aber auch privat im kleinen Heftchen sein. Whatever floobs your boobs.
  • INTERESSEN VERFOLGEN - Depressionen sind ein gemeiner Wicht und nehmen dir die Freude an all dem Schönen, dass das Leben zu bieten hat. Sobald aber ein kleiner Funke Interesse irgendwo wieder auffliegt, muss er gepackt und ganz arg festgehalten werden. Denn mit der Zeit wird aus dem Funken ein Feuer und das erleuchtet das Leben schon wieder verdammt hell.
  • SOZIALE KONTAKTE - Man zieht sich gerne zurück, wenn man sich schlecht fühlt oder lethargisch im Bett liegt. Ähnlich wie beim Interessen Verfolgen sollte man jeden Funken einfangen und daran halten. Genauso wichtig ist ein ständiger Austausch mit sich selber, wie viel Nähe grade okay ist. Es ist total in Ordnung sich aus sozialen Interaktionen auch wieder rauszuziehen, wenn man sich nicht mehr wohl fühlt. Offenheit ist hier von Vorteil, da dein Gegenüber so viel besser weiß, was eigentlich grade los ist und es nicht auf sich selber beziehen muss.
Sich selber wirklich so zu akzeptieren wie man ist und mit sich selber irgendwie cool zu sein ist ein langer, zäher, anstrengender Weg mit Bergen und Tälern, den man sein ganzes Leben geht. Aber es lohnt sich nach jedem Schritt und es lohnt sich irgendwann mit sich selber Frieden schließen zu können. Versprochen.

warum es in meinem kopf gewitter gibt





Kaum eine Frage habe ich mir jemals mehr gestellt als diese. Gewitter sind die bildlichste Anschauung, die mir zu meinen unbändigen Wellen an Gefühlen einfällt. Wie wichtig meine psychische Gesundheit ist und wie schwer es ist krank zu sein, dafür mussten Jahre vergehen, damit ich das verstehen konnte. Jahre, in denen die Gewitter zu Orkanen wurden und Tage, an denen Regenschauer meine Brust überschwemmten.

Lange Zeit war ich mir unsicher, ob sich je ein Mensch so fühlen kann wie ich mich fühlte und ich war gelähmt von einem Schmerz, der mir die Luft zum Atmen nahm. Inzwischen lerne ich, dass die Krankheit ein gemeiner Lügner ist. Ein Lügner, der mir einredet(e), dass es eine Zukunft für mich nicht geben kann. Dass Menschen mich nicht lieben können. Dass der Schmerz meine eigene Schuld sei. Aber wie erklärt man die Betonsteine auf meinem Körper, die sich morgens manchmal auf mich legen? Es sind Gewitter in meinem Kopf. Blitze, die mich erstarren lassen und Regenschauer, die mir die Sicht verblenden. Aber jedes Gewitter zieht vorbei und meistens scheint danach auch wieder die Sonne. Klingt irgendwie kitschig, ist aber auch wirklich so.

Es ist heute der letzte Tag im Juli. Das sind fünf Jahre nach meinem Krankenhausaufenthalt und fünf Jahre nach meinem Ein- und Ausgehen in der Psychiatrie. Wenn es nach meinem Ich vor fünf Jahren ginge, dann würde ich diesen letzten Juli Tag in diesem Jahr eigentlich gar nicht erleben. Aber meine Krankheit ist ein gemeiner Lügner und ich bin froh, dass ich das noch rausfinden konnte.