von selfcare und selbsthass

In Zeiten von Selbstliebe, #bodypositivity und veganem Lifestyle fühlt man sich manchmal ganz schön schlecht. Was "selfcare" eigentlich wirklich bedeutet, musste ich mir erstmal erarbeiten. Denn Regel Nummer Eins: Selfcare ist was persönliches. So unterschiedlich wie wir sind, so unterschiedlich sind auch die Wege, wie wir uns gut fühlen können.

Als ich diesen Post angefangen habe, haben sich zwei Bloggerinen, die ich sehr schätze, gerade mit diesem #bodypositivity auseinandersetzen (müssen). Ivy hat über ihren After-Baby-Body geredet und Maddie von dariadaria war damit konfrontiert, dass man wohl Makel relativieren muss und nicht jeder das gleiche Recht hätte, sich über seinen Körper zu freuen (I call bullshit!). Deswegen konzentrieren wir uns lieber auf die positiven Seiten des Selfcare.

Über die Jahre hat sich mein Anspruch verändert. Als ich 14 Jahre alt war bedeutete Selfcare für mich, mir einmal die Woche 20 Gramm Nudeln (nur Vollkorn, abgewogen) mehr in meinen katastrophalen Essensplan mit einzubauen. Heute bedeutet Selfcare für mich Verabredungen abzusagen, wenn mir nicht danach ist. Pünktlich ins Bett zu gehen um morgens wirklich ausgeschlafen zu sein. Die dritte (oder vierte) Runde Nachtisch zu essen, weil niemand mir das verbieten kann (vor allem ich selber nicht). Aber wie um Himmels Willen schafft man das? Wie steht man jeden Tag auf um erstmal eine Stunde zu meditieren? Ich halte den ganzen zwanghaften Anspruch dahinter für absoluten Quatsch. Ich kann nicht bestreiten, dass eine gewisse Regelmässigkeit in bestimmten Dingen durchaus helfen können Selfcare zu verinnerlichen, aber bis man das schafft hat man erstmal ganz andere Berge zu besteigen. Und zwar sich selber.

Am Besten fängt man erstmal klein an, indem man sich darauf einlässt seine Gefühle einfach Gefühle sein zu lassen. Boom. Die Lösung des Rätsels? So einfach soll das gehen? Herrjemine, all die Jahre umsonst verschwendet ans Traurigsein und Arme Aufgeschneide.

Quatsch. Ich weiß, wie schwer das ist. Ich bin übrigens auch kein ausgebildeter Therapeut und alles, was ich erzähle, sind meine persönlichen Erfahrungen. Aber das weiß man ja.

Ich habe über Jahre Babysteps gemacht und im Nachhinein hat mir extrem geholfen erstmal mit den Basics anzufangen.

  • SCHLAFEN - Oha, hab ich mir in meinem Leben schon viel Schlaf verwehrt. Schlafen ist ein wichtiges Grundbedürfnis und kam in meinem Leben nur zu viel oder zu kurz. Beides doof. In Zeiten der Euphorie habe ich meinem Körper regelmässig Schlaf entzogen. Das hat folglich dazu geführt, dass ich weder Energie hatte, noch klar denken konnte. Was mich nur noch verrückter gemacht hat. Schlafentzug hat bei mir zu Halluzinationen und Wahnvorstellungen geführt. Keine feine Sache. Aber auch zu viel Schlafen (unter anderem durch falsche Medikation) hat mehr Schaden als Nutzen angerichtet. Vor einiger Zeit habe ich meine neurotische Zwanghaftigkeit darauf gerichtet penibel einen Schlafplan von ca. 8-9h einzuhalten und obwohl die erste Zeit total schwer war, nach ein paar Wochen habe ich mich so daran gewöhnt, dass sogar gelegentliche Abweichungen (ich geh ja trotzdem noch aus und tanzen) mich um Punkt 11 Uhr ermüden und um Punkt 7.30 Uhr erwachen lassen. Aber es ist tragbar. Mein Körper verzeiht mir großzügig, wenn ich mal länger wach bleiben will oder morgens länger im Bett liegen möchte. Wir haben da irgendwie inzwischen unseren Frieden geschlossen. Und das macht den Kopf frei, um mich um die wirklichen Dinge kümmern zu können.
  • ESSEN - Essprobleme sind extrem gemein und unfair und halten meistens irgendwie doch ein Leben lang an. Das Thema ist ziemlich komplex und ich halte eine therapeutische Begleitung und Esstherapie bei solchen Problemen für extrem sinnvoll. Als ich meine Essprobleme wieder einigermaßen im Griff hatte, war alles andere schon viele einfacher. Genauso wie beim Schlafen ist Essen ein Grundbedürfnis, das gestillt sein muss, damit der Körper versorgt ist und der Geist sich entfalten kann (klingt voll esoterisch, bin ich aber gar nicht).
  • BETÄUBENDE MITTEL - ob Alkohol, Drogen, Einkaufen, Spielen... Es gibt inzwischen viele Mittel und Wege seiner Realität zu entfliehen. Für manche entwickelt sich eine handfeste Sucht und für andere ein "riskanter Umgang". Auch hier stehe ich vor einem zu komplexen Thema, als das ich es in einem Unterpunkt eines Posts so einfach abhaken möchte, weswegen ich in naher Zukunft jedoch darauf zurückkommen werde. Ich persönlich bin ein sehr suchtaffiner Mensch (das hat mit Veranlagung und Persönlichkeit zu tun) und lebe an einer Risikogrenze zur vollen Abhängigkeit. Zeit meines Lebens hatte ich mit den verschiedensten Dingen wirklich Schwierigkeiten (vor allem Alkohol). Dieser Punkt war auch einer der langwierigsten und schwierigsten für mich zu ändern. Ich habe nie eine spezielle Suchttherapie gemacht, kann mir aber vorstellen, dass es für manche (auch wenn man sich selbst nicht eingestehen kann, dass man süchtig ist) eine therapeutische Begleitung und Abstinenz der einzige Weg sind. 2017 war das Jahr, in dem ich es geschafft habe vier ganze Monate abstinent zu bleiben und mir haben sich wirklich, ganz ernsthaft, neue Wege eröffnet. Im Nachhinein habe ich meine Jahre betäubt verschwendet und erst jetzt rausgefunden, dass Alkohol Spaß machen kann, aber nicht das Go-To ist, wenn man in Gesellschaft sein möchte. Von daher möchte ich gar nicht von einem hohen Roß runtersprechen, denn verdammte Scheiße war das ein langer Weg gefüllt mit Abstürzen und wirklich, wirklich unangenehmen Erfahrungen. Oft habe ich versucht nicht zu trinken, bin immer wieder gescheitert, habe mich selber gehasst, was dazu führte, dass ich noch mehr getrunken habe. Es war ein Teufelskreis und ich bin so froh ihn Stück für Stück durchbrechen zu können.
  • WISSEN - Dieser Punkt ist mir persönlich fast am wichtigsten. Denn man findet eigentlich nur wirklich selber zu sich, wenn man überhaupt weiß was da so abgeht. Mit einem selber. Mit seinen Gefühlen. Ein Therapeut kann da wirklich Wunder bewirken, denn dieser kann fachlichen Rat geben und Dinge erklären, die man selber gar nicht so versteht (Wikipediaartikel sind eine schlechte Quelle). Zu verstehen woher bestimmte Verhaltensmuster kommen; dass es auch andere Leute gibt, die sich so fühlen wie ich mich fühle; dass im Kopf krank sein genauso schlimm ist wie mit dem Körper krank zu sein. All das war für mich sehr wichtig rauszufinden. Es hat mir geholfen mich und mein Kranksein besser zu verstehen.

Wenn man dann also nach und nach erstmal seine Grundbedürfnisse wieder stillen kann, kommt ein gesteigertes Körpergefühl schon ganz langsam wieder von alleine. Und genau da gehts dann weiter. (Ja ich weiß, super anstrengend, mega ätzend und man kann sich nicht einmal ausruhen).

NEXT LEVEL:

  • ACHTSAMKEIT - ziemlich tricky und echt gar nicht einfach so machbar. In meinen Klinikzeiten waren Muskelentspannung und Autogenes Training ganz weit oben im Therapieplan. Ich fand das alles immer schwachsinnig, konnte mich nicht drauf einlassen und habe erst Jahre danach langsam und schüchtern angefangen, mich in die Thematik einzulesen. Inzwischen habe ich meine eigene Methode entwickelt zu entspannen und meine Umgebung bewusster wahrzunehmen. Auch dazu erzähle ich mal mehr. 
  • YOGA - ich bin kein großer Yogaverfechter und mache das meistens nur wegen meinen abartigen Rückenschmerzen. Aber ich habe schon viel gehört, dass Yoga genau bei dieser Körperwahrnehmung unterstützend sein kann
  • GESUND ESSEN - das Thema Essen hatten wir zwar schon, aber eine gewaltige Steigerung ist es, seinem Körper lauter Sachen zu geben, die ihm gesunde Energie verschaffen. Aber auch hier Babysteps. Man muss sich nach Jahren des Ärgers mit sich selber nicht gleich als Ernährungsberaterin beweisen. Alles soll Spaß machen und wenn man an gesundem Essen Spaß finden kann ist das wirklich toll.
  • GENUG (WASSER) TRINKEN - Keine sonderlich neue Information, leuchtet aber ein.
  • SCHREIBEN/SPRECHEN - Es hilft ungemein seinen Strom an Gedanken und Gefühlen ab und zu mal in Worte zu packen. Das kann ganz öffentlich im Internet, aber auch privat im kleinen Heftchen sein. Whatever floobs your boobs.
  • INTERESSEN VERFOLGEN - Depressionen sind ein gemeiner Wicht und nehmen dir die Freude an all dem Schönen, dass das Leben zu bieten hat. Sobald aber ein kleiner Funke Interesse irgendwo wieder auffliegt, muss er gepackt und ganz arg festgehalten werden. Denn mit der Zeit wird aus dem Funken ein Feuer und das erleuchtet das Leben schon wieder verdammt hell.
  • SOZIALE KONTAKTE - Man zieht sich gerne zurück, wenn man sich schlecht fühlt oder lethargisch im Bett liegt. Ähnlich wie beim Interessen Verfolgen sollte man jeden Funken einfangen und daran halten. Genauso wichtig ist ein ständiger Austausch mit sich selber, wie viel Nähe grade okay ist. Es ist total in Ordnung sich aus sozialen Interaktionen auch wieder rauszuziehen, wenn man sich nicht mehr wohl fühlt. Offenheit ist hier von Vorteil, da dein Gegenüber so viel besser weiß, was eigentlich grade los ist und es nicht auf sich selber beziehen muss.
Sich selber wirklich so zu akzeptieren wie man ist und mit sich selber irgendwie cool zu sein ist ein langer, zäher, anstrengender Weg mit Bergen und Tälern, den man sein ganzes Leben geht. Aber es lohnt sich nach jedem Schritt und es lohnt sich irgendwann mit sich selber Frieden schließen zu können. Versprochen.

Kommentare:

Björn hat gesagt…

Mir hilft Sport machen auch immer ungemein...

J. hat gesagt…

Tatsächlich gibt es viele Menschen denen Sport so hilft wie mir zum Beispiel Zeit mit mir selber zu verbringen. Sport hat leider nie viel Euphorie auslösen können bei mir, das ist aber okay, denn wir sind ja alle unterschiedliche Menschen, wa!